Landleben mal anders

Ich wohne in einem Dorf, das grade mal 10.000 Einwohner hat. Da ich in einer Stadt geboren und aufgewachsen bin, die sich mit knapp 160.00 Einwohnern immerhin als eine der größte Städte in Niedersachsens schimpfen darf, kann ich wohl mit Fug und Recht behaupten, dass ich nun wirklich auf dem Land wohne.

Auf dem Land ticken die Uhren anders, egal ob man von der Lidlverkäuferin gefragt wird, was man heute nachtmittag noch Schönes vor hat (das ist mir zumindestens in der Großstadt noch nie passiert), oder ob man im Garten sitzt und es traben ein paar Pferde vorbei. Landleben ist schön und vor allem ruhig. Das waren auch die Hauptbeweggründe, warum ich mich dazu entschieden habe, aus der Stadt zu flüchten.

Das Landleben kann aber auch durchaus anders, wie ich an diesem Wochenende feststellen musste. Bereits am Freitag klingelte es an der Tür und eine Nachbarin stand davor, die ich zwar vom Sehen kannte, mit der ich aber vorher noch nie ein Wort gewechselt hatte:

Nachbarin: Hallooooo! [freudig-erregt]

Ich: Hallo! [Was kann sie wollen?]

Nachbarin: Unser Sohn hat das Königsschiessen gewonnen! Wir treffen uns heute abend um halb 8 und dann geht’s weiter ins Zelt an den Königstisch!

Ich: Ach so? [say what??? Heilige Scheisse, wie komme ich aus der Nummer wieder raus?] Heute abend? Ähmm….ähhhhh. Das ist aber kurzfristig. Ääääähm…schauen wir mal….aber danke für die Einladung!

Landleben? Herzlich gerne, aber Schützenfest? NEIN! DANKE! Da kann ich nun wirklich nichts mit anfangen. Selbst bereits erwähnte Lidl Mitarbeiterin sah mich am Freitag völlig schockiert an, als ich meinen Wochenendeinkauf absolvieren wollte: Bist Du gar nicht beim Schützenfest? Nein! Ganz bestimmt nicht! Was soll ich da auch? Ich steh nicht so auf Männer in Uniformen und noch viel ausschlaggebender: Ich bin aus dem Zeltfetenalter wirklich raus!

Also kein Schützenfest! Königstisch hin oder her! Samstagmorgen klingelt es an der Tür… ich hatte schon so eine Ahnung. Wer stand da freudestrahlend vor mir? Richtig – der frisch gebackene Schützenkönig!

Er: Wir machen Frühshoppen, es könnte also etwas lauter werden – ihr kommt doch auch?

Ich: Ähhhhm……Ja….. Sicher! Natürlich! [och nöööööööööööööö]

Und wie kommt man aus so einer Nummer raus? Gar nicht. Und spätestens als mich das Bootshorn (ja, dieses Horn wurde von seinen Bekannten direkt neben meinem Gartenzaun plaziert, und selbst mein Kollege, der in einigen Kilometern Entfernung wohnt, konnte mir heute morgen bestätigen, dass man es bis in den nächsten Ort hören konnte) von meiner Sonnenliege gefegt hatte, wurde mir klar: Es wäre wirklich unhöflich, nicht mal eben kurz dort aufzutauchen, er ist immerhin der Nachbar.

Hier nun die schonungslose Wahrheit über Schützenfeste auf dem Land:

Es laufen immer mehrere Leute durch die Gäste, die einem Schnaps andrehen, völlig egal ob man will oder nicht. Diese Personen haben genau 2 Gläser, und aus diesen Gläsern trinken alle. Glaubt mir. Den Schnaps bekommt man so schnell eingetrichtert, dass man keine Zeit hat, sich um die Hygiene der Gläser Gedanken zu machen. Nach dem 8. Glas fand ich es auch gar nicht mehr so ekelig, immerhin desinfiziert Alkohohl ja auch. (Lasst mich bitte einfach in dem Glauben)

Nach einiger Zeit laufen alle Gäste zu dem alten König nach Hause, aber nicht irgendwie! Nein! Es muss laut sein. In diesem Fall war es eine wirklich eine coole Kapelle, die vorne weg ging. Auf dem Weg zum alten König, sind aber noch immer diese Leute mit den Schnapsflaschen unterwegs, und weil wir auf dem Land wohnen,laufen wir auch auf der Strasse! Da müssen Autos halt warten. Vor einer roten Ampel setzt man sich auch auf die Strasse und zu jeder Gelegenheit wird gesungen: Humba Humba Tätera! [das ist nach dem 15. Schnaps auch nicht mehr peinlich, sondern völlig einleutend]

Hatte ich schon den Schnaps erwähnt? Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Schnaps durcheinander getrunken. Noch nie! Aber soll ich euch was sagen? Als die ganze Meute genauso lautstark mitten in der Nacht wieder zurückmarschiert ist, habe ich nur gedacht: In der Stadt würden jetzt sämtliche Lichter in den Häusern angehen, und wir wären schon 3 mal von der Polizei angehalten worden. Das war ein schöner Abend, mit super netten Leuten . Ich werde zwar in diesem Leben in keinen Schützenverein mehr eintreten, aber trotzdem kann ich singen:

Aber Scheiss drauf! Schützenfest ist nur einmal im Jahr!

Ole, Ole und schaaalaalaa

Advertisements

27 Gedanken zu “Landleben mal anders

    • Das kann ich nur unterschreiben. Auch schön zu wissen, dass die Leute, an denen ich immer vorbeifahre, Namen haben und total nett sind 😉 Manchmal braucht man so einfache Dinge, wie einen Schützenkönig, um sich näher zu kommen! 🙂

  1. Gerade in so einem kleinen Dorf ist es gut, wenn man sich mal etwas persönlicher kennt, sonst ist man doch die komische Person aus dem Haus da drüben 😉 aber beneiden tue ich dich um die Aktion nicht 😀

  2. Tja, das kenn ich: Samstag vormittag ein bis siebzehnundvier Slibowitz (oder wie das Teufelszeug heißt) über den Zaun gereicht bekommen – so lange bis Einer umfällt oder weint….;-)

  3. Das ist echt passiert? Mir kommt sowas immer vor wie eine amerikanische Horror-Geschichten-Story, wo das ganze Dorf mitmacht. Ich bin in einer 9.000 Einwohner Gemeinde groß geworden, aber sowas gabs bei uns einfach nicht^^
    Finds immer ganz spannend zu erfahren, dass es sowas WIRKLICH gibt. Nette Geschichte 🙂

    • WIRKLICH! Ganz in echt. Wobei ich mich am nächsten Morgen wirklich gefargt habe: Saßt Du wirklich auf der Hauptstarsse und hast gesungen und Schnaps getrunken? JA! Ich fand es erstaunlich, dass die Leute alle so nett und aufgeschlossen waren. Lag vielleicht auch daran, dass es viele Leute in meinem Alter waren, und weniger Ältere, obwohl die, die da waren auch gut mitgezoegen haben. 🙂
      Mein Higlight bleibt dieses Bootshorn. Ich dachte wirklich, dass der 3. Weltkrieg ausgebrochen wäre. Ich habe mich in meinem ganzen Lben selten so dermaßen erschrocken 😀

  4. Wo gibt es denn Dörfer mit 10000 Einwohnern?!? Da wo ich herkomme, sind das schön Städte. Mein kleines Heimatkaff (aus dem ich übrigens auch geflüchtet bin), hat keine 500 Einwohner…das ist ein Dorf! 😀
    Der Alkoholkonsum zum Schützenfest (wahlweise auch zum Feuerwehrfest und ja, sogar zum Kinderfest (!!!)) nimmt dort aber ähnliche Ausmaße an. Scheint also nicht einwohnerzahlabhängig zu sein… 🙂

    • In Niedersachsen 😉

      Es kommt wohl darauf an, wo man aufgewachsen ist. Für mich bleibt es ein Dorf, allerdings ist es mir total ans Herz gewachsen. Wenn ich es dort nicht schön finden würde, dann wäre ich dort ja auch nicht hingezogen!

      Dann schauen wir mal, welche Feste noch auf mich zukommen 😉 Liebe Grüße Peppa

      • Das ist wohl wahr – für mich ist schon alles mit mehr als 1000 Einwohnern recht groß. 😉
        Aber es ist schön, dass du dem Landleben etwas abgewinnen kannst. Es hat definitiv seine guten Seiten. Und was die Fest angeht: Ich würde wirklich bei allem vorsichtig sein, was die Schützen und die Freiwillige Feuerwehr veranstalten…aber da hast du ja auch schon erste Erfahrungen gemacht! 😉 Viel Spaß weiterhin!

      • Doch! Das Landleben ist wirklich schön! Es gibt Tage da fahren nur eine Handvoll Autos am Haus vorbei… das Haus liegt aber auch nicht an der Hauptstrasse.
        Mit der Feuerwehr hatte ich bisher keine Berührungspunkte, aber da ich alles rund ums Schützenfest bereits für mich ausgeschlossen hatte, sag ich da jetzt im Vorfeld auch lieber nichts zu 😉 Danke Dir! Liebe Grüße Peppa

  5. Über deinen ersten Absatz musste ich schon sehr lachen… 😉
    Und 10.000 Einwohner sehe ich auch nicht mehr als Dorf an. Ich stamme aus einem 800 Seelen Dorf 😉

    Würde mich echt freuen, wenn du mich in 4 Wochen zum größten Schützenfest der Welt begleitest und mit mir zusammen Atemlos singst 😉 Bist ja schon im Training ;-))))

    • Lach. Du weißt ja, wo ich herkomme, deswegen bleibt das für mich ein Dorf 😀

      In etwa so??

      Atemlos durch die Nacht,
      Bis ein neuer Tag erwacht
      Atemlos einfach raus
      Deine Augen ziehen mich aus!
      Atemlos durch die Nacht
      Spür‘ was Liebe mit uns macht
      Atemlos, schwindelfrei, großes Kino für uns zwei
      Wir sind heute ewig, tausend Glücksgefühle
      Alles was ich bin, teil‘ ich mit Dir
      Wir sind unzertrennlich, irgendwie unsterblich
      Komm nimm‘ meine Hand und geh‘ mit mir

      Schauen wir mal 😉 Genieße die Sonne :*

      • Peps, falls du das mittlerweile auswendig kannst, dann tut es mir ganz schrecklich leid, dass ich dir jemals die CD geschickt habe und werde es mir mein Leben lang nicht verzeihen.
        Bitte sag, dass du es über paste & copy eingefügt hast. Bitte, bitte!!!

      • Das schlimmste steht dir nun noch in Zukunft bevor, dich kennt jetzt das halbe „Dorf“ und du musst dich benehmen 😦
        Ich mache das seit Ostern ja auch durch. Hab mich 13 Jahre in meinem Dorf versteckt und seit einigen Veranstaltungen seit Ostern, wo ich mitgefeiert und getrunken habe, werde ich auf der Straße überall erkannt und gegrüßt. Weiß noch nicht, ob ich das so toll finde. :-((

      • Schnecke? Ich muss mich benehmen! 😀 Das wird wohl nix. Das mit dem grüßen hat schon angefangen. Ich finde es NOCH gar nicht so schlimm. Schauen wir mal, wie sich das weiterentwickelt 🙂

  6. Man soll sich immer gut mit den Nachbarn verstehen. Das ist schon lebenswichtig. Obwohl mein erster Nachbar meine Schwiegermutter war (sie möge in Frieden Ruhen), das war nicht so toll. Ich muss auch über deinen ersten Satz schmunzeln 10.000 Einwohner – in meinem Mini-Dorf leben gerade mal 600. Und wir sind das zweitgrösste aus der Gemeinde. Hier kennt man wirklich jeden, obwohl ich die ganz jungen Leute nun auch wieder nicht mehr kenne. Bei uns im Mini-Dorf wird zur Zeit unglaublich viel gebaut und viele junge Familien lassen sich nieder. Warum? Laut Umfrage ist in unserer Gemeinde die Lebensqualität in unserem kleinen Land am besten, kann man nachlesen.

    • Wenn man aus einer Großstadt groß wird, dann kommen einem auch 10.000 Einwohner wie ein Dorf vor. Es ist aber ganz und gar nicht negativ gemeint. Ich fühle mich dort pudelwohl.
      Die Nachbarn sind wirklich spitze! Ich kenne das auch anders, deswegen weiß ich das auch so zu schätzen 😉
      Krieg über den Gartenzaun stelle ich mir auch absolut nervig und überflüssig vor. Schön, dass es mit Deinen Nachbarn auch so gut aussieht!

      • Meine Nachbarn auf der linken Seite waren meine Schwiegereltern (jetzt meine Schwägerin) und auf der rechten Seite sind es auch liebe Leute. So empfinde ich das. Nur die Männer mögen sich nicht. Wenn von der Hecke auch nur ein Ast über das Grundstück des anderen hinüber wächst, dann wird schon gesägt, und dass ist schon Kleingartenkrieg. Boah- Männer und ihre Gärten, ich sag nur, zum K…zen. Wir Frauen unterhalten uns darüber prächtig.

  7. Hallo Peppa,
    ich kann mich dich lebhaft vorstellen, aber was doch so ein paar Schnäpschen ausmachen. Du hast Recht einmal im Jahr kann man das aushalten.
    Entspannten Wochenbeginn.
    LG Sadie

    • Danke liebe Sadie.

      Ich war wirklich überrascht von der Freundlichkeit. Kurzes Beispiel. Da ich nicht vorhatte dort lange zu bleiben, bin ich ohne Geld aus dem Haus gegangen. Irgendwann gingen meine Zigaretten zu Neige, Ein Wort von mir und es hielten mir sofort alle Geld entgegen, obwohl ich mit den meisten Menschen vorher noch nie geredet habe. Ich fand das sehr ungewöhnlich!

      Dir auch einen schönen Wochenbeginn. Ich zähle die Tage! Noch 3 mal aufstehen, dann habe ich eine Woche Urlaub. 🙂

      Liebe Grüße
      Peppa

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s