Wer ist hier spießig?!?

Eine typische Weihnachts-Kinheitserinnerung von mir ist „Schnüpperle – 24 Geschichten zur Weihnachtszeit“.  Jeden Tag hat meine Mutter mir eine Geschichte vorgelesen, und zwar jedes Jahr. Das gehörte für mich genau so zu Weihnachten, wie meine Weihnachtsschallplatte von den Schlümpfen. Irgendwann scheint es da einen großen Knall gegeben zu haben (den ich echt nicht gehört habe) oder das Raum Zeit Gefüge hat sich einfach ganz leise verschoben, und deswegen habe ich von dieser plötzlichen Veränderung nichts mitbekommen.

Wenn ich Schnüpperle als Beispiel nehme, dann hat der sich eine Nacht vor dem ersten Dezember so wahnsinnig auf seinen Adventskalender gefreut, dass er kaum schlafen konnte. Stundenlang hat er ihn betrachtet und sich Gedanken darüber gemacht, welches Säckchen er morgen wohl aufmachen sollte. Am 01. Dezember ist er aus dem Bett gesprungen und ist zusammen mit seiner Schwester natürlich als erstes zu seinem Kalender gelaufen:

»Welchen Beutel nimmst du?«, fragt Schnüpperle.

»Oh, ich weiß nicht! Oh, welchen nehm ich denn bloß?«

»Ich bin für Mitte«, sagt Schnüpperle.

»Da kommst du auch am besten dran.«

»Gar nicht wahr, unten genauso gut.«

»Ich bin für oben, genau der Reihe nach«, sagt Annerose und zieht

schon die Schleife auf.

»Schnüpperle! Mutter! Ein Pilz, ein Glückspilz aus Schokolade!«

In der Aufregung verknotet Schnüpperle die Schleife. »Mutter!

Mutter! Annerose! Es geht nicht! Ich krieg’s nicht auf!«

Mutter kann’s auch nicht, weil sie ihre Brille nicht hat.

Schnüpperle fängt an zu heulen. Da kommt Vater mit der Schere.

Und dann fährt Schnüpperle mit Daumen und Zeigefinger in den

Beutel: eine Marzipankartoffel, noch eine und noch eine.

»So viel! Ooch, so viel!« Schnüpperle zeigt seinen Reichtum

herum. »Ich hab mehr als du, Annerose!«

»Aber ich habe einen Glückspilz und du bloß Kartoffeln!«

»Aber aus Marzipan!«, sagt Schnüpperle und hat schon ganz

braune Finger vom Kakao. »Isst du deins gleich auf, Annerose?«

»Du?«

»Eine«, sagt Schnüpperle.

»Ich heb meinen Glückspilz auf, bis ich aus der Schule komme.«

Der geneigte Leser wird Schnüpperle wohl direkt für die Pussy vorm Herrn halten, weil er bei der erst besten Gelegenheit sofort anfängt zu weinen, aber mal ehrlich – gibt es heute noch Kinder, die sich wirklich über Marzipan-Kartoffeln freuen, oder ist diese Spezies Kind schon längst ausgestorben?

Als ich 11 Jahre alt war, hatte ich natürlich kein Handy bzw. Smartphone – das gab es auch noch gar nicht – zumindestens nicht in dem Umfang. Mein erstes Handy habe ich mir mit 18 gekauft, und meine Kindheit habe ich trotzdem überlebt. Warum sind also Eltern heutzutage der Meining, dass Kinder ein Handy brauchen? Wie soll ein Telefon ein Kind beschützen? Verstehe ich nicht – ich sehe aber tagtäglich, was Kinder mit ihren Handys machen. Sie sind auf Facebook, YouTube & Co. unterwegs und bewegen sich von einer Grauzone in die nächste, denn „kindgerecht“ ist das wenigste von dem, wofür sie sich meistens interessieren. Da werden Hardcore Pornos auf dem Schulhof getauscht, WhatApps im Unterricht geschrieben und gelesen, und der neue Trend nennt sich Sexting. 13-14 jährige Mädels machen Fotos (bevorzugt leicht bekleidet oder nackt) von sich, schicken diese dann „durch die Gegend“ und sind hinterher zu Tode betrübt, wenn der ganze Schulhof lacht.

Nimmst Du einem Teenie heute sein Smartphone weg, hört dieser im nächsten Moment praktisch auf zu existieren. Das Kind ist mit einem Schlag ausgelöscht. Als ich zur Schule geangen bin, habe ich auf dem Weg meine Freundin abgeholt, nach der Schule hat man sich für den Nachmittag verabredet und sich dann am verabredeten Ort einfach getroffen. Heutzutage: Undenkbar!

Bin ich eigentlich irgendwo „hängen“ geblieben, dass ich das alles nicht mehr normal finde? Was ist also, wenn ich Mutter werde? Soll ich meinem Kind ein Smartphone verbieten, und es damit direkt zum absoluten Aussenseiter machen? Geht auch nicht! Werde ich also auch so eine überfürsorgliche Mutter, die einen Fahrradhelm kauft, und eine Ortungs-App auf das Handy meines Kindes spiele, damit ich jederzeit weiß, wo es sich aufhält? Um erhlich zu sein: Ich weiß es nicht!

Um aber wieder zurück auf Schnüpperles Marzipankartoffeln zu kommen: Ich denke es gibt noch Kinder, die sich ebenso freuen würden wie Schnüpperle und seine Schwester, jedoch glaube ich auch, dass das nicht den Großteil aller Kinder ausmacht. Kinder werden heute immer mehr dazu erzogen, dass sie glauben Geld ist ein Rohstoff, der Eltern niemals ausgehen kann. Viel ist selbstverständlich und Dinge, die nichts oder nicht viel kosten, sind auch dementsprechend wenig wert – den idellen Wert einer Marzipankartoffel kann ich zwar nicht beziffern, dennoch denke ich, dass traditionelle  Adventskalender eher in den Hintergrund getaucht sind, weil sie einfach nicht mehr „gewünscht“ sind, und wenn ich mir die Zahl der massenkompatiblen Kalender ansehe, werde ich in dieser Vermutung auch irgendwie bestätigt: Sheepworld, Haribo, Kinder, Lego.

Also muss ich wohl damit abfinden, dass Jacqueline-Chantalle und  Marcel-Damian am Samstag ihren Sheepworld und Haribo Kalender öffnen, sich in ihre Hollister T-Shirts werfen, ihre (natürlich echten) Ugg Boots bzw. Vans überziehen, nach ihrem i-Phone 5 greifen und im Vorbeigehen einem gerade paratstehendem Elternteil einen 3 seitigen Wunschzettel in die Hand drücken, dessen Gesamtwert den eines Kleinwagens übersteigt. So what – nun bin ich wohl so geworden, wie ich früher nie sein wollte: alt & spießig, aber irgendwie finde ich mich so völlig ok!

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4 Gedanken zu “Wer ist hier spießig?!?

  1. Mit diesem Beitrag könntest Du vor Publikum auftreten. Sehr gelungen, witzig und Du triffst es genau auf den Punkt! Ich bin übrigens auch Spießer und das mit Wonne!

  2. ich bin auch ein Spiesser (meine Tastatur macht kein scharfes s) , habe trotzdem meine zwei Kinder, glaube ich, normal gut erzogen. Denen fehlte es auch an nichts. Ich kann mich noch gut an einen Satz meiner Tochter erinnern. Sie wollte irgendwas teures haben, was ich mir absolut nicht leisten konnte. Ich sagte zu ihr, dass ich kein Geld hätte. Da meinte sie “ Geh doch an die Maschine und nimm dir Geld! “ Sie meinte so einfach sei das. Einfach zum Geldautomaten und dann kommt das Geld schon! Mittlerweile weiss sie es auch schon besser!

    • Eigentlich finde ich die Kinder schlimmer, denen es egal ist, was etwas kostet, und sie sich keinerlei Gedanken darüber machen müssen. Das hilft im späteren Leben nämlich überhaupt nicht! Man könnte über mich auch sagen, dass ich ein verwöhntes Einzelkind bin, dennoch hat meine Mutter es nicht versäumt, mir bestimmte Werte mit auf den Weg zu geben. Dir einen schönen Tag! LG Peppa

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